Philipp Bertram ist von Anfang an in Wilmersdorf dabei: Erst als freiwilliger Helfer, dann als hauptamtlicher stellvertretender Heimleiter. Mittlerweile führt er die Stabsstelle Integration und Ehrenamt. Hier schildert er die Entwicklung der Notunterkunft aus seiner ganz persönlichen Sicht.

“Liebe Freundinnen und Freunde,

im Folgenden möchte ich meine persönliche Sicht auf die erhobenen Vorwürfe darstellen. Ich spreche nicht für meine Kolleg_innen und den ASB als Träger der Einrichtung, sondern nur für mich.

In den letzten Tagen wurden mehrere Artikel veröffentlicht, die schwere Vorwürfe gegen unsere Unterkunft erheben.

Ich möchte auf die erhobenen Vorwürfe reagieren und diesen entschieden widersprechen.

Der Vorfall vom 29.04.2016 wird komplett falsch dargestellt. Zum einen ist es zwar richtig, dass es einen Protest bezüglich der Küche gab, jedoch nur von einer einzelnen Person. Die Diskussion darüber nahm dann ein größeres Ausmaß an und verlagerte sich von unserer Kantine aus dem 4.OG in das Erdgeschoss und führte dann zu einer Gruppe von ca. 50 Personen vor den Büros der Verwaltung, die gemeinsam ein Gespräch mit Verantwortlichen suchten. Wichtig zu betonen ist jedoch, dass zu keiner Zeit Gewalt angewendet wurde,  noch die Absicht dafür bestand. Doch wurde auch die Polizei dazu gerufen. Als diese in der Unterkunft ankam, war aber dann schon wieder alles ruhig und wir standen mit allen Beteiligten auf dem Hof und führten Gespräche.

Ebenfalls wichtig ist, dass ich während dieser Situation die ganze Zeit als Ansprechpartner vor Ort zur Verfügung stand und selbst zur Entspannung der Lage mit den Bewohner_innen, aber später auch mit der Polizei, beigetragen habe und kein ehemaliger Mitarbeiter kontaktiert werden musste!

Seit diesem Tag stehen wir als Träger der Einrichtung wiederum verstärkt mit einer Gruppe von Bewohner_innen in Kontakt und haben gemeinsam Veränderungen in unserer Küche bewirkt.

Ergänzend ist es ebenfalls wichtig zu betonen, dass keinem der Bewohner_innen Essen verwehrt wird und jede/r so viel bekommt wie sie/er möchte.

Zur generellen Situation im Haus möchte ich sagen und feststellen, dass zum Einen keiner der aufgebauten Bereiche abgeschafft wurde und des weiteren auch das Ehrenamt wie in den letzten Monaten weiterhin eine enorm wichtige Rolle in unserem Haus inne hat.

In der Realität sieht es aber so aus, dass sich auch eine Unterkunft weiterentwickelt und die von allen geforderten Strukturen, mehr Personal und Ansprechpartner, stetig umgesetzt und aufgebaut werden konnten. Zudem konnten in letzter Zeit auch neue Projekte wie ein Nähzimmer realisiert und eine Fahrradwerkstatt geplant werden.

Dies war ein langer Prozess. An dessen Ende jedoch in keiner Weise die Verabschiedung des Ehrenamtes steht, sondern eine Entlastung derer, die über Monate Verantwortung als Ehrenamtliche übernommen haben. Es führt zudem dazu, dass Ehrenamt inzwischen nicht mehr Unterkünfte nur strukturell absichert, sondern seinem klassischeren Mehrwert im Zwischenmenschlichen nachkommen und zum Beispiel Patenschaften übernehmen kann. Dies führt dann auch dazu, dass nicht mehr alle Ehrenamtlichen in unser Haus kommen, sondern auch in unserem Umfeld aktiv sind, damit gibt es zwar weniger Hilfe im Haus, aber man kann auch nach einem halben Jahr von Ehrenamtlichen nicht weiterhin erwarten, jeden Tag von früh bis spät im Einsatz zu sein.

Zu finanziellen Pflichten und Anforderungen des Trägers kann ich nicht viel sagen, möchte aber festhalten, dass wir alle noch gut die Situation aus dem letzten Herbst im Kopf haben.

Es gab keine klaren Regelungen und Träger wurden nur auf Zuruf beauftragt. Das heißt, keine Verträge und damit keine klaren Grundlagen.

In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls wichtig, sich an den vereinbarten Verfahren einer Absichtserklärung zu orientieren. Alles was bisher geschah, lief unter Vorbehalt und wird bei einem anstehenden Vertragsabschluss auch noch einmal auf den Tisch gepackt und letztendlich verrechnet. Alles weitere dazu obliegt jedoch nicht den vor Ort Handelnden, sondern jeweiligen Geschäftsführungen.

Ja, wir haben Spenden für diverse Artikel angenommen und dafür um Unterstützung gebeten. All dies zum Wohle unserer Bewohner_innen. Alle gemeinsam  und immer mit Blick darauf, dass hierfür eine Lösung gefunden werden muss.

Wir haben aber auch stets Anderen unsere Spenden zu Gute kommen lassen. Seien es andere Notunterkünfte oder auch Obdachloseneinrichtungen und Frauenhäuser gewesen. Auch andere Initiativen haben davon in Berlin immer wieder profitiert.

Dem haben wir uns immer gestellt und nie verheimlicht, wo der Schuh drückt. Auch haben wir stets das Gespräch darüber gesucht. Doch eines ist nicht fair. Standards kann man nicht im Nachhinein festlegen und sich dann beschweren, dass sie vorher nicht eingehalten wurden. Dafür hätten sie von Anfang an klar kommuniziert werden müssen. Es fängt schon bei der Definition einer Notunterkunft an.

Im medizinischen Bereich hat sich Unterkunft und die Betreuung ebenfalls weiterentwickeln können. Am Anfang haben ehrenamtliche Ärzt_innen eine Versorgung sichergestellt. Kurz darauf kam die Initiative „Medizin hilft Flüchtlingen“ und übernahm dankenswerter Weise diesen Bereich und sicherte Ihn ab. Nach und nach konnte aber auch hier nach langen Verhandlungen nachgezogen werden, so dass wir inzwischen einen voll hauptamtlichen Betrieb des Medizinischen Bereiches gewährleisten können. In der gleichen Zeit wurde die Unterkunft auch immer größer und die Aufmerksamkeit stieg dementsprechend auch im gleichen Maß. Medizin hilft Flüchtlingen wurde dies Anfang Dezember 2015 zu groß und zog sich zurück und versorgte nun andere kleinerere Einrichtungen. Dies geschah in einem offenen Prozess und einvernehmlich.

Ich bitte euch alle hier einen offenen Dialog zu suchen und nicht Aufgrund von Behauptungen zu urteilen. Macht euch selbst ein Bild und fragt bei uns nach. Ich stehe euch jederzeit für Fragen zur Verfügung.

Zum Abschluss möchte ich ausdrücklich allen Beteiligten und Ehrenamtlichen für Ihre Unterstützung und Mitwirkung danken! Ohne euch wären die letzten Monate nicht möglich gewesen.

Euer Philipp”

 

 

 

 

 

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Philipp Bertram: Ehrenamt hat eine “enorm wichtige Rolle”

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