Marion Höcker hat ihr ganzes Berufsleben als Fremdsprachenlehrerin gearbeitet. Nachdem sie im November 2015 in Pension ging, wollte sie nicht einfach nichts tun. Also begann sie ehrenamtlich in einer Notunterkunft zu unterrichten.

Über die Medien hat sie erfahren, dass auch in ihrer Nachbarschaft in Berlin-Köpenick mehrere Flüchtlingsunterkünfte eröffnet hatten. Also ging sie zusammen mit ihrem Ehemann Egon Höcker in die ASB Notunterkunft in die Turnhalle in der Glienickerstraße. Ihr Wunsch war es zu helfen: „Ich will, dass die Integration gelingt.“

Marion Höcker beim Deutschunterricht in der ASB Notunterkunft Glienicker Straße.
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Schnell stellte sich für die leidenschaftliche Lehrerin heraus, dass die Sprache der Ausgangspunkt jeder Integrationsarbeit ist. „Sprache ist praktisch der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration“, findet Höcker. Also begann sie regelmäßigen Deutschunterricht in der Turnhalle anzubieten. Jeden Mittwoch um 19.30 Uhr. Doch der Start war nicht so einfach, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Vertrauen musste erst wachsen

Die Fluktuation von Bewohnern der Turnhalle sorgte für Unruhe in den Lerngruppen. Zudem handelt es sich um sehr heterogene Lerngruppen. „Von Analphabeten bis hin zu Bewohnern mit perfekten Englischkenntnissen ist alles dabei“, erklärt Höcker. Außerdem mussten die oftmals traumatisierten Menschen erst lernen Vertrauen in das Angebot zu fassen. Gleichzeitig erfuhr sie, wie dankbar die Geflüchteten für persönliche Zuwendung waren.

Daraus entwickelte sich die Idee der Familienpatenschaften. Immer mehr Ehrenamtliche schlossen sich an. „Die Hilfe ging immer öfter über das bloße Lernen der Sprache hinaus“, erinnert Höcker sich. Ein Pate oder eine Patenfamilie betreut eine oder mehrere Familien und trifft sie regelmäßig innerhalb oder außerhalb der Unterkunft. Mittlerweile gibt es in der Notunterkunft 21 Paten. Damit haben cairca 100 Bewohner einen persönlichen Ansprechpartner.

“Zermürbende” Behördengänge

Auch Höcker betreut drei Familien. Es hat gute vier Wochen gedauert, bis das Vertrauen da war. „Die Familien mussten sich erstmal daran gewöhnen, dass ich tatsächlich immer wieder komme und sie nicht wieder alleine lasse.“  Anfangs können sie sich zwar nur mit Mimik und Gestik verständigen, aber es funktioniert trotzdem. Sogar bei sich zuhause hatte Höcker ihre Schützlinge schon zu Gast. Natürlich sei auch für sie vieles fremdartig gewesen, aber sie wollte das ganz bewusst überwinden. Heute kann sie sich „ihre“ Patenfamilien nicht mehr wegdenken. Auch zwischen anderen Paten und deren Familien entwickeln sich Freundschaften, vor allem zwischen den Kindern.

Die Paten unterstützen die Bewohner bei allen Fragen des alltäglichen Lebens. Besonders hohe Priorität haben Behördengänge, die Höcker aufgrund der oftmals geringen Fortschritte als „zermürbend“ beschreibt. Arztbesuche und Übersetzungen von offiziellen Dokumente sind ebenfalls sehr wichtig für die Bewohner der Notunterkunft.

Von den Sorgen ablenken

Besondere Freude bereiten aber gemeinsame Freizeitaktivitäten, wie Zoo und Museumsbesuche. „Einmal waren wir mit einer größeren Gruppe in den Müggelbergen wandern“, erinnert Höcker sich. Es war für sie beeindruckend zu erleben, wie sehr sich die Menschen über einen schönen Moment freuen konnten. Die Freude ist vermutlich auch deshalb so groß, weil sie die Menschen von ihren vielen Sorgen ablenkt.

Mit den oftmals sehr traurigen Geschichten der Flucht werden die Paten regelmäßig konfrontiert. Sie hören zudem von Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Erschöpfung. Die mangelnden Informationen zum Asylverfahren stellen eine unerträgliche Geduldsprobe für die Bewohner dar. Höcker sagt sie „lernt alles mit“, was man für das Asylverfahren wissen muss. Wie bekomme ich eine Wohnung? Wann dürfen die Kinder in die Schule? Und ganz wichtig: Wen muss ich dafür ansprechen.

“Man gewinnt so viel”

Auch wenn Höcker das Verfahren als „willkürlich“ und „undurchsichtig“ empfindet, lässt sie sich davon nicht entmutigen. „Man gewinnt so viel und baut seine Ängste ab, indem man sieht, was für tolle Menschen das sind und wie sie sich bemühen schnell in unsere Gesellschaft zu finden.“

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„Sprache ist der Schlüssel zur Integration“

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