Nicht nur in der Unterkunft in Alt-Moabit, sondern auch in Zehlendorf wird den Bewohnern Musikunterricht angeboten. Was das mit Medizin zu tun hat und wer hinter dem Angebot steckt, erfahren Sie hier.

„Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch, schläfst du noch“, alle Anwesenden des gut ausgestatteten Sprechzimmers in der ASB Gemeinschaftsunterkunft Zehlendorf singen den Text des bekannten Kinderkanons laut mit. Auch das kleine Mädchen das heute geimpft und mit dem Lied von der Spritze abgelenkt werden soll. Mit Erfolg: Es merkt praktisch gar nicht, wie der Pädiater Dr. Peter Hauber die Impfung in seinen Arm gibt. Musik gehöre laut Hauber fest zur Sprechstunde dazu. „In der ersten Sprechstunde haben neun Kinder und mehrere Erwachsene das Lied gesungen“, erinnert der Mediziner sich, „in der folgenden Woche fragten die Kinder schon beim Betreten des Raumes nach der Musik.“

Sprechstunde mit Dr. Hauber.
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„Seit Oktober 2015 bieten wir in der Gemeinschaftsunterkunft Zehlendorf eine medizinische Sprechstunde für Kinder an“, sagt der Hauber. Er habe sich zuvor am ehrenamtlich am Orianienplatz engagiert. Als die ASB Gemeinschaftsunterkunft praktisch „in seiner Nachbarschaft“ eröffnete, sei es naheliegend gewesen sich „einfach mal zu vorzustellen“. Inzwischen bietet er in der Flüchtlingsunterkunft am Hohentwielsteig jeden Dienstag zwischen 16 und 18 Uhr eine offene Sprechstunde an.

Patienten kommen von Lichtenberg bis nach Steglitz

„Unsere Patientenkartei umfasst rund 50 Kinder und Jugendliche“, sagt der Pädiater. Kleine Eingriffe und Impfungen könne er in der Unterkunft durchführen. Bei aufwändigere Behandlungen kriegen die Bewohner einen Termin in seiner Praxis in der Flotowstraße. Einige Patienten kämen noch in seine Praxis, obwohl sie gar nicht mehr in der Unterkunft wohnten. „Eine Familie macht sich sogar ganz aus Lichtenberg auf den Weg zu mir nach Steglitz-Zehlendorf“, freut Hauber sich.

Die Verbindung von Medizin und Musik geht weit über das Singen im Sprechzimmer hinaus. Hauber hat in der Gemeinschaftsunterkunft erfolgreich einen Musikunterricht etabliert. Dienstags und samstags musizieren die Kinder unter professioneller Anleitung. Hauber hat sich hierfür von dem venezolanischen Konzept „El Systema“ inspirieren lassen, bei dem Straßenkinder mit Musik eine Perspektive gegeben werden soll. „Wir wollen den vielen Tausend Kindern, die nach Deutschland kommen Selbstbewusstsein und Hoffnung geben“, erklärt Hauber, „die Musik ist ein wunderbares Mittel dafür.“

Ehemalige Intendantin unterstützt Verein

Die ersten Schritte waren nicht ganz einfach. Der Deutsche Musikrat zeigte sich zwar interessiert an Haubers Idee, untersützte ihn aber nicht aktiv. Also setzte Hauber seine Vision eigenständig um. Auch mit privaten finanziellen Mitteln. Es wurden Geigen, Cellos, Gitarren und Flöten gekauft. „Außerdem haben wir professionelle Lehrer, die auch entlohnt werden“, ergänzt Hauber.

Mittlerweile wurde der Verein „MitMachMusik Ein Weg zur Integration von Flüchtlingskinder e.V.“ gegründet. Den Vorsitz des Vereins hat die ehemalige Intendantin der Berliner Philharmoniker Pamela Rosenberg. Die Eintragung ins Vereinsregister läuft. Außer in Zehlendorf bietet der Verein Musikunterricht in der ASB Notunterkunft Alt-Moabit und im Flüchtlingsheim Potsdam Brauhausberg an.

Musik ist ihr Leben

„Die Teilnehmerzahlen schwanken stark“, erklärt die Lehrerin Ehrengard von Gemmingen, „aber egal ob zu fünft oder mit 20, wir haben immer sehr viel Spaß.“ An diesem Tag ist der Unterricht sehr gut besucht. Rund 20 Kinder sitzen im Schulungsraum im Kreis und spielen zusammen. Von Gemmingen leitet in beeindruckend gelassener Weise durch die Unterrichtsstunde. Keine leichte Aufgabe, da sich sowohl die Vorkenntnisse, als auch die Aufmerksamkeit der Kinder teilweise stark unterscheidet.

Doch von Gemmingen ist für alle da, springt von Schüler zu Schüler, motiviert, hilft und ermahnt auch mal. Die Kinder werden stark in den Unterricht integriert. Dürfen auch mal selber dirigieren und Lieder auswählen. Musik ist von Gemmingens Leben: „Ich spiele Cello im Orchester und unterrichte Musik unter anderem an der Berlin Brandenburg International School und der John F. Kennedy Schule.“ Seit März gibt sie den Kindern in Zehlendorf Musikunterricht.

Benefizkonzert am 10. September

Der Verein geht erstmals am 10. September mit einem Benefizkonzert im Rahmen des Musikfestes Berlin an die Öffentlichkeit. Im Kammermusiksaal der Philharmonie spielen ab 20 Uhr weltberühmte Musiker: Unter anderem das Artemis Quartett, Kolja Blacher, Jens Peter Maintz und Aydin Özgur, sowie drei Perkussionisten Werke von Beethoven und Schostakowitsch. Das Konzert wird von Deutschlandradio Kultur international verbreitet. In der Einführungsveranstaltung ab 19 Uhr werden auch die jungen Musiker vom Hohentwielsteig zu Worte kommen

Mehr Informationen und Kartenbestellung über: www.ippnw-concerts.de und www.berlinerfestspiele.de bzw. an der Kasse der Philharmonie.

 

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Verein integriert Flüchtlingskinder mit Musik

Ein Gedanke zu „Verein integriert Flüchtlingskinder mit Musik

  • 27. September 2016 um 11:44
    Permalink

    Eine ganz tolle Idee, die Kinder über Musik zusammenzuführen, ihre schrecklichen Erlebnisse und die auch derzeit noch schwierigen Lebenssituationen. für ein paar Stunden vergessen zu machen und
    Lebensfreude zu empfinden! Ein großes Danke den Initiatoren und Unterstützern!
    Renate Kölsch

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